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Raumfahrt - Wem nützt sie? - Vortrag von Prof. Dr. Ulrich Walter beim Deutschen Bank Kapitalmarktforum vom 09. November 2004Raumfahrt - Das hat man nun davon!
Prof. Dr. Ulrich Walter
Keine Sorge, dies ist keine Geschichte über die Teflonpfanne. Im Gegenteil, die Teflonpfanne gehört, wie die täglichen Trainingsfahrten der Astronauten in Zentrifugen, das vermeintliche Tubenessen im Weltraum oder die makellosen Zähne der Astronauten zu den zahllosen Gerüchten, die die Raumfahrt umgeben, und schlichtweg falsch sind. Trotzdem ist das Gerücht über die Teflonpfanne aus der Raumfahrt inzwischen ebenso unausrottbar wie der hohe Eisengehalt von Spinat oder dass die Sprache der Eskimos die meisten Wörter für die verschiedenen Schnee- und Eissorten kenne. Tatsächlich geht der angeblich hohe Eisengehalt von Spinat auf einen Labor-Fehler zurück, bei dem der Eisengehalt statt auf das Nassgewicht auf das Trockengewicht von Spinat bezogen wurde, wodurch der Eisengehalt fälschlicherweise um etwa zehnfach höher berechnet wurde (worunter Generationen von Kindern zu leiden hatten), und nach einer Studie einer amerikanischen Sprachenwissenschaftlerin, die dem Eskimo-Gerücht nachging, gebührt diese Ehre der bayerischen Sprache. Und was hat es nun wirklich mit der Teflonpfanne auf sich? Das Teflon erfand die amerikanischen Firma DuPont bereits im Jahre 1938, und ein gewisser Franzose namens Gregoire hat sich im Jahre 1954 die Beschichtung einer Stahlpfanne mit Teflon patentieren lassen. Die Teflonpfanne hat also mit der Raumfahrt nicht das geringste zu tun! Aber woher kommt dann dieses Gerücht? Vielleicht hat der häufige Gebrauch von Teflon als Kabel-Isoliermaterial bei den Apollo-Flügen das Gerücht ausgelöst. Das jedoch ist reine Spekulation und kein Mensch weiss es wirklich.
Wenn also schon nicht die Teflonpfanne, welchen Nutzen liefert uns dann überhaupt die Raumfahrt? Um es vorweg zu sagen, die Nutzanwendungen der Raumfahrt, die sogenannten Spinoffs, sind deren Abfallprodukte. So erstaunlich und interessant sie auch sein mögen, Raumfahrt wird nicht ihretwegen betrieben, sondern sie gehen später, beabsichtigt oder nicht, daraus als Anwendung für andere Bereiche hervor. So wurde im Rahmen eines medizinischen Experimentes auf unserer D-2 Mission, das die Ursachen und den zeitlichen Verlauf des Augenüberdrucks im Weltraum messen sollte, unter anderem aus Sorge über eventuelle Augenschäden bei Astronauten, ein handliches Gerät entwickelt, das die Messung des Augendruckes durch den Astronauten selbst erlaubt. Der Nutzen für Patienten, die unter Augenüberdruck leiden oder bei denen dies vermutet wird, wurde später erkannt. Das Gerät wurde bis zur Produktionsreife überarbeitet und wird heute als kommerzielles Gerät von der Firma EPSA Elektronik & Präzisionsbau Saalfeld GmbH hergestellt. Mit ihm kann jeder zu Hause seinen Augendruck selbst messen.
Ohne Fernsehsatelliten wie ASTRA oder EUTELSAT gäbe es auch nicht die Programmvielfalt des privatisierten Fernsehens, erst recht nicht die des digitalen Fernsehens. Aber auch die GPS-Empfänger empfangen ihre Signale von etwa 30 GPS-Satelliten aus dem Weltraum, betrieben vom amerikanischen Militär. Weil sich diese Ortungssysteme so enorm erfolgreich erwiesen haben und man vom Gutdünken des Militärs unabhängig sein will, wird zur Zeit ein ähnliches System namens Galileo mit weiteren 30 Satelliten von der europäischen Raumfahrtorganisation entwickelt.
Im gleichen Maße wie solche Satelliten unseren Himmel bevölkern, so ist auch der Bedarf an Raumtransportern gestiegen, die sie in den Weltraum bringen. Eine eigene Industrie hat sich um diesen Markt gebildet. Dank der Entschlossenheit der Franzosen vor Jahren, der sich die Deutschen damals nur widerwillig anschlossen, gibt es heute die europäische Firma ARIANESPACE, die mit ihren ARIANE-Raketen mehr als 50% des lukrativen Raumtransportmarktes abdeckt und damit bisher erhebliche Gewinne eingestrichen hat. Allein bis 1996 hat ARIANESPACE das 3½fache der ARIANE-Entwicklungskosten erwirtschaftet und sich damit als außergewöhnlich erfolgreich erwiesen. In diesem Markt tummeln sich die amerikanischen Delta/Atlas Raketen und in zunehmenden Maße auch die russischen Proton-Raketen, indische Trägerraketen und die bisher weniger erfolgreichen chinesischen Raketen der Marke "Langer Marsch".
Erderkundung mit Satelliten
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Ein weiterer interessanter Umweltsatellit ist der europäische ENVISAT (Environmental Satellite). Dank des deutschen Sensors SCIAMACHY werden damit umweltschädliche Spurengase in der Atmosphäre quantitativ analysiert werden.
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Alle detaillierten Erkenntnisse über die äußeren Planeten in unserem Sonnensystem stammen von den bekannt gewordenen Sonden Pioneer und Voyager und später auch Galileo. Erst mit den Marssonden der Mariner- und Viking-Serie und kürzlich der amerikanischen Sonde Spirit und Opportunity und der europäischen Sonde Mars Express und der Venussonde Magellan haben wir ein genaues Bild von deren Oberflächen und ihren Eigenschaften. Mit den im Weltraum stationierten Raumteleskopen wie Hubble, ROSAT oder GAUSS auf der D-2 Mission, die so den behindernden Einfluss der Erdatmosphäre umgehen, kann man nicht nur noch weiter in den Weltraum vordringen, sondern mit ihren völlig neuen Erkenntnissen lieferten sie in den letzten Jahren ein genaueres Bild des Entstehen unserer Welt (Sternenentstehung) und ihrem Vergehen in schwarzen L öchern.
![]() Abbildung 3: Mikrochips aus der Apolloära haben die Elektronik revolutioniert. |
Kommen wir zu den indirekten Nutzanwendungen der Raumfahrt. Dazu gehört das bereits schon oben erwähnte Augendruckmessgerät von der D-2 Mission. Aber auch der Taschenrechner hat seine Wurzeln in der Raumfahrt. Die ersten Taschenrechner kamen im Jahre 1974 deswegen kurz nach den Apollomissionen auf den Markt, weil in den Saturnraketen neben den Unmengen von Treibstoff kaum mehr Platz für die Systemregelung war. Daher wurden die ersten Elektronikchips entworfen, die noch die kleinsten Ecken der Raketenstufen ausnutzten. Erst diese Chips machten die handlichen Taschenrechner |
Aber auch die Shuttle-Technik beginnt Einfluss auf unser tägliches Leben zu nehmen: Der Klettverschluss, der heute vielfach für Kinder- und Sportschuhe und für Freizeitkleidung genutzt wird, wurde von und für die Raumfahrt entwickelt. In der Schwerelosigkeit lässt sich nichts ablegen, alle losen Teile schweben und driften durch die Gegend. Deshalb hat ausnahmslos jedes Teil an Bord eines Raumschiffes ein Stück Klettverschluss aufgeklebt, mit dem man es an die überall im Shuttle angebrachten Gegenstücke anheften kann.
Die NASA hatte beim kompliziertesten Gefährt, das die Menschheit je gebaut hat, Probleme, die schier unübersehbare Anzahl von Shuttleteilen zu verwalten. Sie entwickelte daher den Strichkode, der sich heute an allen verpackten Waren befindet und die Kassenabrechnung aber auch die Warenlogistik entscheidend erleichterte. Das Prinzip der Brennstoffzelle, das für das Shuttle zur Einsatzreife gebracht wurde, und das mit der kalten Verbrennung von Wasserstoff und Sauerstoff zu Strom und reinem Wasser für das Shuttle die Hauptenergiequelle darstellt, wird in Zukunft für den umweltfreundlichen Wasserstoffkreislauf die entscheidende Rolle spielen und wurde erstmals im Mai 1996 mit dem Auto "neCar II" von Mercedes-Benz als die leichte Alternative für Elektroautos vorgestellt, die ohne belastende Batterien auskommt. An der dezentralen Strom- und Wärmeerzeugung mittels Brennstoffzellen für Häuser arbeiten heute alle größeren Heizgerätehersteller.
Abbildung 4: Ein Spin-Off der D-2 Mission: Mit der Space Mouse lassen
sich in CAD-Anwendungen Darstellungen in alle Richtungen drehen und verschieben |
Aber auch die sogenannten Memorylegierungen aus Titan für flexible Brillengestelle und hochfeste Kevlar- und unbrennbare Nomex-Fasern von DuPont für extreme Beanspruchungen wie Schusswesten oder ultraleichte Hochdrucktanks wurden ursprünglich für das Shuttle entwickelt. So schützt eine Kevlar-Schicht im Raumanzug heute Astronauten vor Mikrometeoriteneinschlägen während eines Raumspazierganges und genau dieses Material wird heute auch als PET für "unverwüstbare" Pfandflaschen eingesetzt. |
Der Nierensteinzertrümmerer wurde von der deutschen Firma DORNIER patentiert und entstammt der Raumfahrtentwicklung. Ebenso wurden Heatpipes, GaAs-Solarzellen, Mikropumpen, etc. durch Patente der Raumfahrtforschung und -entwicklung entscheidend weiterentwickelt. Allein aus der D-2 Schwerelosigkeitsforschung stammen neben dem Augendruckmessgerät, verbesserte Motorengleitlager, Entwicklungsbeiträge zum Audi A8 "Space Frame", die Space Mouse für CAD-Anwendungen, der UV-Biofilm, der Baby-Anzug als Maßnahme gegen den plötzlichen Kindstod, ...
Die Nutzanwendungen sind so vielfältig und in ihrem Ausmaß noch gar nicht ausgelotet, dass es mit MST Aerospace GmbH in Köln eine eigene Vermarktungsgesellschaft für Luft- und Raumfahrtentwicklungen gibt. Die NASA bringt jährlich eine Broschüre über die Spinoffs der NASA heraus.
Fragt man den Menschen auf der Straße, was ihm als bedeutendstes Ereignis der vergangenen Raumfahrt in Erinnerung ist, dann wird wohl jeder die Landung auf dem Mond nennen. Dabei denken sicherlich die wenigsten an die daraus folgenden Spinoffs und die neuen Erkenntnisse über Zusammensetzung und Ursprung des Mondes, sondern die Mondladungen waren Errungenschaften ihrer selbst willen. Der Schritt auf den Mond ist der Manifest gewordene Schritt der Menschheit hinaus in den Weltraum, um die Erde und damit sich selbst neu zu erfahren. Der Mensch sprengt die Ketten der Erde, überschreitet die Grenzen des bisher möglichen. Das ist die übergeordnete, kulturelle Aufgabe der Raumfahrt, die die Amerikaner längst erkannt und sie sogar in den Statuten der NASA festgeschrieben haben. Es sind gerade die Amerikaner, die sich der historischen Dimension der Raumfahrt bewusst sind und sie als zukunftsorientiere Aufgabe verinnerlicht haben. Dazu John Pike von der Vereinigung Amerikanischer Wissenschaftler: „Einige Länder haben Kathedralen gebaut, die Engländer haben Ihre Monarchie und die Westminster Abtei, wir haben ein Weltraumprogramm und das Luft- und Raumfahrtmuseum.“ Und: „Genauso wie die die Kathedralen Pilgerstätten der Alten Welt sind, ist Kape Kennedy und die US-Raumfahrt die Pilgerstätte amerikanischer Bürger.“
Wenn ein Mensch fliegt, fliegen wir alle! Darauf gründet sich das ureigendste Interesse der Menschen an der bemannten Raumfahrt. Aus dem Weltraum zurückzublicken auf unser Raumschiff Erde und sie mit ganz anderen Augen zu sehen das ist die neue Erkenntnis der Raumfahrt - und der Astronaut ist ihr Botschafter.
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