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Neustart nach dem InfernoNach dem tragischen Ende der Raumfähre Columbia nimmt die NASA die Shuttle-Flüge wieder auf. Astronaut Ulrich Walter erläutert die Hintergründe und Sicherheitsmaßnah-men – und argumentiert, warum bemannte Raumfahrt wichtig ist. Erschienen in leicht gekürzter Fassung in: Bild der Wissenschaft, Ausgabe Juni 2005
Wie konnte dies geschehen? Hatte die NASA nichts aus der Challenger-Katastrophe
im Januar 1986, bei der ebenfalls alle Astronauten ihr Leben ließen,
gelernt? Der Grund für das Challenger Unglück während
des Aufstiegs waren damals Dichtungsringe, die in der frostigen Nacht
zuvor ihre Dehnungseigenschaften verloren hatten, spröde wurden
und so die Hitze der abbrennenden Feststoffraketen beim Start nicht mehr
blockieren konnten. Der dabei entstehende Feuerstrahl bahnte sich seinen
Weg durch die Hülle eines Boosters und brachte dann den Tank mit
dem flüssigen Sauerstoff und Wasserstoff zur Explosion. ![]() Flugbahn des Schaumstoffstücks, das den Flügel der Raumfähre Columbia bei der Katastrophe 2003 beschädigte (Computeranimation) Die neuen RegelnDer erste Flug nach der Columbia-Katastrophe hat die NASA auf den 15. Mai angesetzt. Was wird dabei neu sein? Zunächst ist kein Ersatz für die Columbia vorgesehen, weil die drei Shut-tles, die bisher die Versorgungsflüge zur ISS durchgeführt haben, genau die sind, die die NASA noch hat. Columbia erfüllte bisher Aufgaben unabhängig von der ISS, etwa Reparaturen des Hubble Teleskops. Diese Nicht-ISS-Aufgaben haben ab sofort niedrigste Priorität. Das ist der eine Grund, warum Hubble in Zukunft nicht mehr repariert werden soll. Ein Nachfolgeshuttle soll es außerdem deswegen nicht geben, weil das Shuttle nur noch bis zum Jahr 2010 eingesetzt werden soll, danach soll es durch ein Nachfolgesystem ersetzt werden. Bis dahin lohnt sich kein Ersatz für die Columbia. Das Geld soll statt dessen in die Entwicklung des neuen Systems in-vestiert werden. Die neuen NASA-Sicherheitsrichtlinien besagen, dass für alle zukünftigen
Shuttleflüge die ISS als sicherer Hafen (Safe Haven) anfliegbar
sein soll. Außerdem muss ein zweites, soge-nanntes LON-Shuttle
(Launch on Need) innerhalb von höchstens 40 Tagen startbereit sein
und eine gestrandete Crew von der ISS zurückholen können. Ein
solches LON-Shuttle steht erstmals für die kommende Mission bereit.
Das defekte Shuttle würde danach von der ISS abgedockt und wie seinerzeit
die MIR-Station durch ein gezieltes Wiedereintritts-Manöver über
einem unbe-wohnten Teil des Pazifischen Ozeans verglühen. Technische Neuerungen Um ähnliche Katastrophe auszuschließen, wurden Maßnahmen
getroffen, die sowohl das Auf-treten von Schaumstoffteilen in Zukunft
verhindern sollen, sowie Maßnahmen zur Detektion und Verminderung
von Schäden, falls dennoch Einschläge jedwelcher Art stattfinden
sollten und Maßnahmen, die die Reparatur eventueller Einschläge
ermöglichen. Konkret bedeutet dies: Die sogenannte Bipod-Anflanschung
und einige andere Stellen am Externen Tank wurde neu kon-struiert und
mit Heizern versehen, weil Schaumstoffabplatzungen durch sogenanntes
Cryo-Pumping bisher vorwiegend hier auftraten. Beim Cryo-Pumping verflüssigt
sich der Luftstickstoff an extrem kalten Stellen wie dem Bipod, wandert
in die Poren des Isolationsschaumstoffes und sprengt ihn durch Verdampfen
ab, wenn beim Aufstieg durch die Atmosphäre Reibungswärme entsteht. ![]() Der Neue Externe Tank auf dem Weg zur Integrationshalle Reparatur der Kacheln Kachelreparaturen werden nur mit Hilfe der ISS durchgeführt werden
können. Bei der Annähe-rung wird das Shuttle von der ISS aus
zunächst fotografiert und inspiziert. Dann dockt sich das Shuttle
mit seinem Arm an der ISS an und dreht sich so zur ISS, dass man von
der ISS Zugang zu den Kacheln auf der Unterseite hat. Danach können
Astronauten, getragen und geführt durch den Arm der ISS, die Kacheln
reparieren. Zur Reparatur soll ein rosafarbenes, Silizium-basiertes Ablatormaterial
(damit wird Hitze durch Verdampfen statt Isolation des Materials reduziert)
ein-gesetzt werden. Das Problem sind die kleinen Blasen, die sich in
im Vakuum der Schwerelosig-keit bilden könnten und die den Ablator
an diesen Stellen hitzedurchlässig machen könnten.
Mit diesem Vorgehen können jedoch nicht die besonders mechanisch-empfind-lichen
RCC-Isolierungen (Reinforced Carbon-Carbon) an der Flügelvorderkante repariert
werden. Da-für stehen zwei mögliche Verfahren in Aussicht: Löchern
von bis zu 15 cm sollen durch eine hit-zeresistente Abdeckplatte geschlossen
werden. Für kleinere Risse will man eine Art Spachtel einsetzen. Eine
Art metallischer Schutz-Überzug beim Start, der bei einem Einschlag auch
grö-ßere Löcher verhindern könnte, wurde erst vor kurzem
wieder verworfen. Nur die Spachtel-Methode wird bis zum nächsten Flug
anwendbar sein. Damit wäre eine Reparatur eines Scha-dens von der Größe
wie bei der Columbia-Katastrophe derzeit nicht möglich und das Shuttle
müsste wie oben beschrieben aufgegeben werden. Die NASA untersucht und
arbeitet aber an Reparaturlösung für solche Fälle. Zur kritischen und unabhängigen Überwachung dieser Neuerungen wurde eine von der NASA unabhängige Gruppe, die Return to Flight Task Group, geleitet durch zwei ehemalige Astronau-ten, Kathryn C. Thornton, Thomas Stafford, eingerichtet. Die neue NASA-KulturDie größte Aufgabe steht der NASA aber noch bevor: Das CAIB hatte sie aufgefordert, neue Unternehmensstrukturen und Unternehmenskultur einzuführen, das die Raumflugsicherheit ga-rantiert und das Sicherheitsbewusstsein der Mitarbeiter stärkt. Das Anheuern der Firma Behavi-oral Science Technology Inc. zur Erfassung und Änderung des Verhaltens des NASA Personals mag ein erster Anfang sein. Aber ein buntes Bildchen wie es bis heute vorliegt und das zukünfti-ge Bewusstsein darstellen soll, allein ändert eine Unternehmenskultur noch nicht. Es muss über Jahrzehnte gelebt werden. Dies ist eine große Herausforderung, denn die Erfahrung aus den 17 Jahren zwischen dem Challenger- und Columbia-Unglück zeigt, dass sich schnell Routine ein-schleift, die wirkliche Gefahren leicht übersehen lässt.
Ich werde oft gefragt, ob man denn als Astronaut keine Angst hat, sich in das Shuttle zu setzen, wenn es so riskant ist. Ich denke, die Antwort die David Brown, einer der verunglückten Colum-bia-Astronauten gab, als ihn zu Weihnachten 2003, also zwei Monate vor seinem Flug sein Bru-der Douglas Brown fragte, was er der Öffentlichkeit sagen solle, wenn er tödlich verunglücken würde, ist symptomatisch für das Denken aller Astronauten: "Ich akzeptierte das Risiko, als ich den Job annahm, so wie ich es auch tat, als ich ein Marine-Flieger wurde. " Jeder Astronaut, auch ich, setzt sich vor der Auswahl mental mit der Möglichkeit eines tödlichen Missionsaus-gangs auseinander und geht mit dem Antritt seines Trainings ein kalkuliertes Risiko ein. Er geht es bewusst und überzeugt ein, denn es ist seine eigene freie Entscheidung. Diese Entscheidung wird gestützt durch eine besondere, bizarre Logik, die so manchem Nichttechnikern schwer fällt nachzuvollziehen: Mit jedem korrigierten Problem wird das Shuttle sicherer. Mit dem Flug am 15. Mai ist das Shuttle so sicher wie nie zuvor. Ich setzte mich im Jahre 1993 in das Shuttle, warum sollte ich das nicht jetzt auch tun, wenn man mich fragte? Ich bin davon überzeugt, dass nicht nur ich, sondern jeder meiner Kollegen ohne zu überlegen mitfliegen würde. Brauchen wir Astronauten?Doch brauchen wir Astronauten, die sich in so eine Gefahr begeben? Brauchen wir die Bemann-te Raumfahrt? Gerade in Deutschland wird diese Frage häufig gestellt und man meint damit, dass sie doch so teuer wäre und man eigentlich alles auch mit robotischen Missionen machen könnte. „Hohe Kosten“ ist ein beliebtes Argument all jeder, die überhaupt etwas gegen bemann-te Raumfahrt haben und es daher bedenkenlos aussprechen. Wenn man diese Leute fragt, wie teuer den konkret eine bemannte Mission sei und um wie viel billiger eine unbemannte, zucken sie nur die Schulter. Lassen Sie mich zwei wenige Beispiele nennen wo dies möglich ist, weil es kaum bemannte und unbemannte Missionen gibt, die miteinander vergleichbar wären. Eine da-von ist meine D2-Mission. Sie war die zweite deutsche Wissenschaftsmission im Weltraumlabor Spacelab auf Columbia. Die Vollkosten für 6,3 Tonnen Experiment-Gesamtnutzlast, entspre-chend 88 Experimente, betrug 442 Millionen Euro. Kann sich Deutschland so was überhaupt leisten? Rechnen wir nach: Die Deutschen trugen den Hauptanteil von 330 Millionen Euro, Ame-rika, Japan und andere europäische Länder zahlten wegen eigener Experimente mit. Die deut-schen Kosten verteilten sich über sechs Jahre Vorbereitungszeit und auf die 80 Millionen Bun-desbürger zu 70 Cent/Jahr/Bundes-bürger. Soweit zur Frage, ob man sich das leisten kann. Nun zur Abwägung Bemannte-Unbemannte Raumfahrt. Interessanterweise gab es zu jener Zeit eine Parallelentwicklung in Sachen Schwerelosigkeitsforschung, die kaum bekannt ist: Eureka. Eureka, war eine frei schwebende, unbemannte, wiederverwendbare Plattform, auf der Experi-mente voll automatisch durchgeführt werden konnten. Eureka flog vom August 1992 bis Juni 1993 also just auch gleichzeitig zu meiner Mission und hatte insgesamt 4,4 Tonnen Experiment-Gesamtnutzlast an Bord bestehend aus 15 Experimenten. Vollkosten: 412 Millionen Euro. Die Kosten pro Experiment waren damit mehr als fünf Mal höher als bei der vergleichbaren bemann-ten Mission. Kein Wunder, dass Eureka nie wieder eingesetzt wurde bei der unschlagbar kos-tengünstigeren bemannten Alternative. Hubble ist ein anderes Beispiel. Es gab bisher vier erfolgreiche Reparaturmissionen mit dem Shuttle. Sieht man einmal von den teueren Hubble-Geräten ab, die installiert werden mussten, so kostete jede dieser Missionen etwa 1,5 Milliarden Dollar. Weil bei einer nun anstehenden Hubble-Reparatur-mission das Shuttle im Ernstfall nicht die Raumstation als sicheren Hafen er-reichen könnte und zudem mit dem James-Webb-Teleskop der Nachfolger in den Startlöchern steht, beschloss die NASA, Hubble nicht wieder zu reparieren. Nun hat sich Hubble zu recht über die Jahre zu einer nationalen Ikone gemausert und der Protest dagegen, insbesondere bei den Wissenschaftlern, kannte folglich keine Grenzen. Aber warum eine bemannte Reparatur-mission wenn es unbemannt doch genauso gut und gar billiger geht? Die NASA berief eine Kommission der Nationalen Wissenschaftsakademie ein, die entsprechend ihres Vorsitzenden Lanzerotti auch Lanzerotti-Panel genannt wird. Erste Rauchzeichen kamen Ende letzten Jahres auf als das Panel in einem Interims-Report verlauten ließ: „Das Hubble Teleskop ist zu wertvoll, um es den Risiken einer unbemannten Mission auszusetzen.“ Statt dessen forderte es den da-maligen NASA Noch-Administrator O’Keefe auf, einen Slot für eine bemannte Shuttlemission offen zu halten, die den Job tun sollte. Sollte hier das Risiko eines Hubble auf einmal wichtiger sein als das der Astronauten? Was hatte die Wissenschaftler, die doch im allgemeinen gegen die bemannte Raumfahrt wettern, zu diesem Meinungsumschwung veranlasst? Bereits wenige Wochen hatten ihnen genügt zu erkennen, dass robotische Missionen hinsichtlich ihrer Erfolg-sausichten wesentlich risikoreicher sind als bemannte. Dazu kommt, dass sie meist teuerer sind als gedacht. Die von der NASA nach eigener Aussage konservativ geschätzten Kosten für eine Hubble-Robotikmission liegen bei 1,3 Milliarden Dollar, eine unabhängige Schätzung der priva-ten Raumfahrt-Entwicklungs- und Beraterfirma Aerospace Cooperation mit Sitz in El Segundo, Kalifornien sieht den Preiszettel eher bei 2 Milliarden Dollar. Warum so teuer? Das Problem ist Flexibilität und Redundanz. Technik kann schief gehen oder ausfallen. Plant man für jeden denkbaren Fall eine Zweitlösung ein, dann überwiegen diese zusätzlichen Redundanzlösungs-kosten schnell die für eine Lebensumgebung für Astronauten. Und selbst mit großzügig ausges-tatteter Redundanz kann man nie ganz sicher sein, dass man alle Notfälle berücksichtigt hat und alles glatt geht. Das Erfolgsaussichten wurden von Aerospace Coop. entsprechend nur auf 58% beziffert. Nicht gerade schmeichelhaft verglichen zur den bisherigen vier erfolgreichen bemann-ten Reparaturmissionen. Die Flexibilität eines Menschen ist in einem komplizierten Arbeitsum-feld einfach unschlagbar. Deshalb gibt es selbst heute und sicherlich auch noch für lange Zeit keine Roboter in einer Autoreparaturwerkstatt. Brauchen wir bemannte Raumfahrt? Ehrlich gesagt habe ich den Sinn dieser
Frage nie richtig verstanden. Wenn es für eine anstehende Mission
alternativ eine bemannte und unbemannte Lösung gibt, dann sollte
doch, wie auf der Erde auch, die kostengünstigste gewählt werden
.... wenn es die Alternative gibt. Wenn Flexibilität und Intelligenz
vor Ort notwendig ist, dann führt aber am Mensch meist kein Weg
vorbei. Dies gilt außer für Hubble-Reparaturen insbesondere
für wissenschaftliche Experimente. Der sogenannte Principle Investigator,
also derjenige, der ein Experiment vorschlägt, kennt den Ausgang
des Experimentes nicht, denn sonst würde er es erst gar nicht vorschlagen.
Weil der Ausgang aber unbekannt ist, ist während des Experimentes
oft die Interaktion mit einem Experimentator notwendig, der bei unvorhergesehenem
Verlauf ein-greift und das Experiment so lange abändert, bis das
unerwartete Ergebnis möglichst optimal herausgearbeitet ist. Diese
Optimierung während eines Experimentes ist die Kunst eines jeden
Experimentors, weshalb es selbst auf der Erde nie ein Labor ohne Menschen
geben wird. Wa-rum sollte dies also im All sinnvoll sein? Weder auf der
Erde noch im All haben sich daher voll-automatische Labors durchgesetzt
(siehe Eureka) und daher wird es, solange es Forschung in der Schwerelosigkeit
gibt, auch immer Einrichtungen wie die ISS geben.
ULRICH WALTER ist Professor für Raumfahrttechnik der Technischen Universität München. Er war 1993 Astronaut der Mission STS-55 (D2) an Bord das Raumfähre Columbia.
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